Mit abnehmender Inflations- und Rezessionsgefahr kann die US-Notenbank die Ära der großen Zinsschritte hinter sich lassen. Für die Sitzung am Mittwoch haben sich die Finanzmärkte auf eine Erhöhung um einen Viertel Prozentpunkt eingestellt, womit nach den teils massiven Anhebungen im vorigen Jahr wieder ein Stück Normalität einkehren würde.
Die Währungshüter, die mit ihren Entscheidungen den Takt an den Finanzmärkten vorgeben, wechseln nach einem dramatischen Zins-Stakkato nun quasi zum eher ruhigen Schlussakkord. Nach einer Leitzins-Erhöhung auf die neue Spanne von 4,50 bis 4,75 Prozent am Mittwoch dürfte es nach Ansicht von Beobachtern nicht mehr lange dauern, bis die Federal Reserve (Fed) eine Pause einlegt.
Schließlich hatte die Fed-Führungsriege in ihrem Ausblick vor dem Jahreswechsel für Ende 2023 im Mittel ein Leitzinsniveau von 5,1 Prozent veranschlagt. "In der Nähe des Zinsgipfels erscheint es der Fed daher angezeigt, vorsichtiger vorzugehen, um die Zinsschraube nicht zu überdrehen", meint Commerzbank-Ökonom Bernd Weidensteiner. Auch er rechnet für die Sitzung am Mittwoch mit einer Anhebung des Zielkorridors für die Leitzinsen um 25 Basispunkte. "Die Fed dürfte die Zinsen danach noch etwas erhöhen, wobei der Gipfel von 5,00-5,25 Prozent wohl erst im Mai erreicht wird", so seine Prognose.
Die US-Inflationsrate war im Dezember auf 6,5 von 7,1 Prozent im November gefallen. Der sechste Rückgang in Folge bietet der Zentralbank Spielraum für einen weniger aggressiven geldpolitischen Kurs. Zuletzt zeigten sich viele Fed-Spitzenvertreter angesichts der abebbenden Inflation offen dafür, einen kleineren Zinsschritt zu gehen. Die US-Währungshüter um Fed-Chef Jerome Powell haben bereits im Dezember das Tempo etwas verringert und den Schlüsselsatz nur noch um einem halben Punkt angehoben. Zuvor hatten sie ihn vier Mal in Folge um jeweils 0,75 Prozentpunkte nach oben getrieben, um der ausufernden Inflation Paroli zu bieten.
Angesichts abnehmender Rezessionsgefahren wird die US-Notenbank nach den Worten ihrer Vizechefin Lael Brainard auf Zinserhöhungskurs bleiben. Die Chancen für eine sanfte Landung der Wirtschaft stiegen offenbar, sagte die Stellvertreterin Powells jüngst. Womöglich könne eine Rezession vermieden werden. Ende vorigen Jahres war die Wirtschaft noch relativ robust gewachsen - das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte von Oktober bis Dezember auf das Jahr hochgerechnet um 2,9 Prozent zu.
Die BayernLB-Experten Gebhard Stadler und Roland Gnan erwarten, dass die Fed nun erstmals im aktuellen Zinszyklus behutsamer agieren wird als die Europäische Zentralbank (EZB), die am Donnerstag eine weitere Erhöhung um einen halben Prozentpunkt beschließen dürfte. Sie verweisen darauf, dass in den USA die Inflation im vierten Quartal auch abseits der Energiepreise einen Abwärtstrend einschlug, während die Kernteuerung im Euro-Raum ein neues Hoch von 5,2 Prozent erreichte. "Die US-Notenbank dürfte daher zur traditionellen Schlagzahl von 25 Basispunkten zurückkehren und nach einer weiteren Anhebung im März den Gipfel von 5 Prozent erreichen."
Zugleich werde Fed-Chef Powell den Finanzmärkten verbal entgegentreten, die verstärkt von einem idealen Szenario einer Abkühlung der Inflation bei gleichzeitig solider Konjunkturentwicklung ausgingen. Der Fed-Präsident werde den Erwartungen verfrühter Zinssenkungen dabei eine Absage erteilen: "Die Märkte gehen schon von Lockerungen im Sommer aus", so die BayernLB-Ökonomen. Auch Brainard hatte solchen Erwartungen bereits zu dämpfen versucht: Die Inflation habe sich zuletzt zwar abgeschwächt, bleibe aber noch hoch. Daher müsse die Geldpolitik noch einige Zeit ausreichend straff ausgerichtet bleiben, damit das Ziel einer Inflationsrate von 2,0 Prozent nachhaltig erreicht werden könne. (apa)