Wohnen ist ein Menschenrecht

Wege aus der Wohnungslosigkeit und die Bedeutung der eigenen vier Wände.
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Wohnen ist ein Menschenrecht
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Hoffnungsträgerin trifft Glücklichmacherin: Daniela Unterholzner, Geschäftsführung neunerhaus & neunerimmo, und Martina Hirsch, Geschäftsführung s REAL, diskutieren über Wege aus der Wohnungslosigkeit und die Bedeutung der eigenen vier Wände.

Was bedeutet „Wohnen“ für Sie persönlich?

Daniela Unterholzner: Das Zuhause ist ein Rückzugsort und gleichzeitig ein Ausgangspunkt, um das Leben draußen zu meistern. Emotional, aber auch organisatorisch. neunerhaus steht dafür: Wohnen ist ein Menschenrecht.

Martina Hirsch: Dem stimme ich zu. Passender Wohnraum ist in jedem Lebensabschnitt die Basis für ein gutes Leben und eine gute Entwicklung. Aus meiner Sicht ist das Zuhause der persönlichste und wichtigste Raum.

Daniela Unterholzner: Wie wichtig das Zuhause ist, sieht man, wenn man es verliert. Wohnungslosigkeit ist ein unglaublicher Stress und eine der existenziellsten Krisen. Keine Wohnung zu haben bedeutet, keinen Ausgangspunkt zu haben, etwa für den Job. Das ganze Leben gerät aus den Fugen.

Wie entwickelt sich die Situation in Österreich?

Unterholzner: Knapp über 20.500 Menschen sind wohnungslos oder gar obdachlos, also wirklich auf der Straße. Wir gehen davon aus, dass die Dunkelziffer in etwa doppelt so hoch ist. Diese Zahlen sind seit einigen Jahren relativ konstant. Allerdings gab es während Corona Delogierungsstopps, da könnte nun ein „Nachholeffekt“ auf uns zukommen. Zudem führen steigende Lebenskosten und wachsende Arbeitslosigkeit dazu, dass mehr Menschen mit drohendem Wohnungsverlust und Wohnungslosigkeit zu kämpfen haben.

Ein Faktor ist auch leistbarer Wohnraum. Wie ist hier die Entwicklung?

Hirsch: Regulatorische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen haben, zusammen mit dem Zinsanstieg, den Eigentumserwerb erschwert. Vor allem im städtischen Bereich ist daher die Nachfrage nach Mietwohnungen explodiert. Über 80 % der Hauptwohnsitze in Wien sind in Mietverhältnissen – auf diese Wohnungen ist ein großer Preisdruck entstanden. Aber: Eigentum wird heuer wieder mehr gekauft. Gleichzeitig haben sich viele Entwickler:innen, die neu bauen, für Miet- oder Miet-Kauf-Modelle entschieden. Das wirkt sich positiv auf das Mietraumangebot aus und kann etwas Druck aus dem Mietmarkt nehmen.

Unterholzner: Das wäre erfreulich. Denn: Je schwieriger es ist, Eigentum zu erwerben, umso mehr Menschen müssen auf das mittlere Mietsegment ausweichen. Dann bekommen jene Menschen, die weniger haben, im mittleren Segment nicht den Zuschlag – und jene, die noch weniger haben, fallen überhaupt aus dem System heraus. Das sind oft Alleinerziehende, die mit nur einem Gehalt Kinder versorgen müssen, oft nicht Vollzeit arbeiten können und keine finanzstarke Familie im Hintergrund haben. Davon sind viele Frauen betroffen, das sehen wir in der Wohnungslosenhilfe. Ein starker, leistbarer Mietmarkt ist vor allem für Städte zentral wichtig. Das zeigt uns das Beispiel Wien.

Hirsch: Wir wissen aus einer österreichweiten Befragung zum Thema Fairness am Immobilienmarkt, die wir vor zwei Jahren mit wohnnet.at durchgeführt haben, dass sich viele Wohnraumsuchende mit Kindern bei der Wohnraumvergabe schon benachteiligt gefühlt haben. Für Alleinerziehende gestaltet sich die Wohnraumsuche dann besonders schwierig, wenn Familien mit zwei Einkommensträger:innen bevorzugt werden. Dabei haben Alleinerziehende als Mieter:innen auch Vorteile, über die s REAL Eigentümer:innen verstärkt informieren will.

Welche Vorteile sind das?

Hirsch: Alleinerziehende sind oft Topmieter:innen, weil sie nicht aus der Gegend, in der ihre Kinder in den Kindergarten oder die Schule gehen, wegziehen wollen. Sie streben ein reibungsloses, beständiges, langfristiges Mietverhältnis an – diese Chance sollten mehr Eigentümer:innen nützen. Es gibt ja auch klare Bonitätsauskünfte.

Unterholzner: In der Wohnungslosenhilfe werden Modelle wie Housing First, die auf Langfristigkeit abzielen, besonders von Frauen sehr wertgeschätzt. 40 % der Housing-First-Bewohner:innen sind Frauen, sehr oft mit Kindern. Diese Perspektive, einen Kindergartenplatz, einen Schulplatz in der Nähe zu haben, ist etwas, für das besonders Mütter sehr viel tun. Natürlich ist es sehr hilfreich, wenn die Immobilienwirtschaft Eigentümer:innen dafür sensibilisiert, dass Alleinerziehende als Mieter:innen Vorteile haben können.

Wie kann die Immobilienwirtschaft noch helfen?

Unterholzner: Ein sehr wichtiger Faktor: 38 Kooperationspartner:innen stellen neunerimmo Wohnungen zur Verfügung, die wir gemäß dem Housing-First-Prinzip an passende Mieter:innen weitergeben. Das ist nie kostenlos, sondern immer zu einem leistbaren Mietpreis ab etwa 10 Euro bis 13 Euro pro Quadratmeter inklusive BK und USt., bei kleinen Wohnungen bis 15 Euro. Das können sich auch armutsbetroffene Menschen langfristig gut leisten.

Hirsch: Wir informieren Eigentümer:innen gerne über die Möglichkeit, Immobilien über neunerimmo an Wohnungslose zu vermieten. Mit dem Beginn des Ukraine-Kriegs hat die Bereitschaft dazu deutlich zugenommen. Das war ein schönes Zeichen der Solidarität. So etwas macht Mut – wir bleiben dran!

Unterholzner: Die Zusammenarbeit mit s REAL ist für uns eine sehr besondere. s REAL unterstützt uns seit über 15 Jahren. So lange einen Partner an der Seite zu haben, bei dem man auf finanzielle Unterstützung zählen kann, der noch dazu weiterdenkt und oft mit Ideen auf uns zukommt, ist ganz entscheidend. Zudem weiß s REAL bestens über die Immobilienszene Bescheid und informiert uns, wenn sich etwas für uns Interessantes tut. Dieses Wissen und diese langfristige Zusammenarbeit sind sehr wertvoll für uns.

Hirsch: Wir unterstützen neunerhaus und neunerimmo sehr gerne, weil das ganz wichtige Hilfsorganisationen mit tollen Projekten sind. Da wollen wir unseren Beitrag leisten. Ich möchte daran glauben, dass wir in Österreich und Europa in einer Gesellschaft leben, die weiß, dass es der Gesamtgesellschaft besser geht, wenn es allen in der Gesellschaft gut geht.

Sie beide verhelfen Menschen zu einem neuen Zuhause. Ist das ein wichtiger Ansporn?

Hirsch: Unsere Mitarbeiter:innen sagen, sie sind Glücklichmacher:innen, weil das Zuhause so ein wichtiger Raum ist. Wenn man Menschen den Schlüssel zum Eigenheim übergibt, ist das ein toller Moment.

Unterholzner: Wenn ihr die Glücklichmacher:innen seid, sind wir die Hoffnungsträger:innen, weil wir zeigen, dass Wohnungslosigkeit keine Endstation ist. Mit der richtigen Hilfe ist es eine Phase und Krise im Leben – es kann wieder besser werden! Das ist das Schöne an unserer Arbeit: dass für viele die Wohnungslosigkeit irgendwann wieder zu Ende ist – und dann kann etwas Neues, ein besserer Lebensabschnitt beginnen.

Was stimmt Sie optimistisch, dass Wohnungslosigkeit in Österreich eingedämmt werden kann?

Unterholzner: Das Thema leistbares Wohnen steht endlich auf der Agenda der Politik. Es wird immer klarer, dass man mit Wohnen Politik machen, bei Wahlen zulegen kann. Eine weitere positive Entwicklung ist, dass ESG („ESG“ steht für Environmental, Social und Governance – zu Deutsch: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung, Anmerkung) an Bedeutung gewinnt – das könnte dem sozial-nachhaltigen Vermieten einen Schub geben. Darüber hinaus hoffe ich, dass die Solidarität in der Gesellschaft auch im Bereich Wohnen zunimmt: weg von der individuellen Schuldzuweisung, hin zu dem Bewusstsein, dass es mehr Menschen treffen kann, als viele denken. Hin zu einem solidarischen, gemeinsamen Nachdenken darüber, wie man unter den realen Rahmenbedingungen gemeinsam für so viele Menschen wie möglich Wohnen leistbar und zugänglich machen kann.

Hirsch: Als Immobiliendienstleister einer Bank nutzen wir unser Know-how auch, um Themen wie Finanzbildung und finanzielle Gesundheit aufzugreifen. Die Möglichkeiten, anzusparen und zu investieren, müssen besser kommuniziert werden. Finanzwissen muss als Teil der Bildungsinstitutionen verstanden werden. Eine Studie der Erste Bank zeigt, dass hier besonders bei Frauen Handlungsbedarf besteht. Wir brauchen die richtigen Erklärungen für die richtigen Zielgruppen.

Unterholzner: Finanzbildung und Bildung überhaupt sind auf jeden Fall wichtige Faktoren im Kampf gegen Wohnungslosigkeit. Gleichzeitig möchte ich aber betonen: Es kann wirklich jede und jeden treffen! Manchmal kommen Menschen zu uns, da fragen wir uns: Wie war das möglich, dass diese Person mit diesem Background gegen jede statistische Wahrscheinlichkeit wohnungslos geworden ist? Wohnungslose Menschen sind so vielfältig wie unsere Gesellschaft. Wir haben Singles, Familien und Paare, alte und junge Menschen. Aber: Je prekärer meine Familienverhältnisse sind, desto geringer meine Bildung und meine Sprachkenntnisse sind, desto traumatisierter ich womöglich bin, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, wohnungslos zu werden.

Wie kann man das persönliche Risiko minimieren?

Unterholzner: Viele Menschen haben von Geburt an sehr gute Möglichkeiten. Andere haben eine Ausgangslage, die das Risiko von Wohnungslosigkeit erhöht. Da haben wir als Gesamtgesellschaft eine Verantwortung, die wir übernehmen müssen – im Einzelnen zu helfen, aber gleichzeitig auch an den strukturellen Bedingungen zu arbeiten. Je mehr leistbaren Wohnraum es gibt, der auch zugänglich ist, desto weniger Menschen werden wohnungslos werden.

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